interview für sailing journal

Die Kunst als Übersetzerin der Realität.

Ein Gespräch mit dem Sailing Journal
Interviewdatum: Dezember 2016

SJ: Katja, Ana während Kunst für die meisten Menschen eine Freizeitbeschäftigung ist, bildet sie für euch den Berufsschwerpunkt. Ihr schreibt über Kunstwerke, vermittelt zwischen Künstlern und Institutionen, organisiert Ausstellungen… wie lässt sich diese Hingabe erklären?

Online zu lesen auf Seite 60-61 unter: https://issuu.com/meeresleuchten-verlag/docs/sj71

Ana Karaminova: Weil wir die Kunst als ein unfassbar starkes und authentisches Medium empfinden. Wir haben den Eindruck, dass trotz oder vielleicht wegen der Dynamik unseres Zeitalters viele wichtige Sachen übersehen werden. Allein die Kunst in all ihren Formen (bildende Kunst, Musik, Film, Theater) scheint in der Lage zu sein, eine Essenz aus unserem Dasein herauszuziehen, Schönes und Hässliches festzuhalten und auf uns alle zu wirken und zwar auf emotionaler Ebene. Somit ist die Kunst für uns eine effektvolle Vermittlerin, ja vielleicht sogar Meinungsbildnerin.

SJ: Aber ist die Kunst nicht gleich Fiktion und hat sie wirklich die Macht zur Veränderung der Wirklichkeit, also zu sozio-politischen Veränderungen?

Ana Karaminova: Oh, ja! Und das ist nicht nur eine These von uns, sondern kulturhistorischer Fakt. Nehmen wir zum Beispiel die mittelalterliche Kunst in Europa, die bekanntlich im Dienste der christlichen Kirche stand. Da die meisten Menschen Analphabeten waren und die Bibel nicht lesen konnten, wurden die Hoffnungen, Ängste, ja sogar das Handeln der Volksmassen vor allem durch narrative aber auch belehrende, apokalyptische Bildgeschichten in der Form von Fresken, Skulpturen, Holzschnitte ect. gesteuert.
Heutzutage haben wir natürlich eine andere Ausgangsposition: viele Menschen sind gebildet bis überqualifiziert, verlieren jedoch im Wirbel der Informationsflut oft den Fokus von dem was wichtig und unwichtig ist. Die visuelle Strategien von Kunstwerken fordern ein Moment des Stillseins, des Nachdenkens und im besten Fall der Reflektion.
Und was die Fiktionalität der Kunst betrifft sind wir uns einig- da die Kunst eine Reflektion der Wirklichkeit ist, kann sie gar nicht fiktiv sein, nicht mal ihre abstraktesten Formen. Die Kunstwerke entstehen aus Emotionen heraus, übersetzen diese in eine ästhetische Form und rufen wiederum Emotionen, Gedanken und Reaktionen bei dem Betrachter hervor. Gibt es denn eine bessere Auseinandersetzung mit der Realität als diese? Wir glauben nicht!

SJ: In eurer Kunstkolumne für das Sailing Journal zeigt und beschreibt ihr Kunstwerke, die sich mit dem Thema „Wasser“ auf unterschiedliche Weise auseinandersetzen. Was möchtet ihr damit bewirken?

Katja Vedder: Unsere Vision ist es die Perspektiven der zeitgenössischen Kunst einem breiten Publikum zugänglich zu machen und so den visuellen Diskurs über die Ozeane und das Element Wasser zu gestalten. Wir wollen damit inspirieren und im besten Falle ermöglichen, dass die Menschen über emotionales Erleben neuer Bilderwelten wieder mehr Respekt und Verantwortungsbewusstsein für dieses wertvolle Element Wasser und die Natur im Allgemeinen entdecken.

Spätestens seit dem Zeitalter des Internets leben wir in einer immer stärker visuell geprägten Welt. Im Bereich des Umweltschutzes wird viel mit dokumentarischen Naturaufnahmen gearbeitet. Diese sind unglaublich stark und wichtig, um den Menschen vor Augen zu führen welch Vielfalt und schützenswerte Einzigartigkeit auf unserem Planeten existiert. Wir möchten diesen Diskurs um die Perspektiven der aktuellen Kunst erweitern, da wir in der Arbeit der Künstler einen starken Weg sehen insbesondere globale und abstrakte Probleme, wie z.B. den Klimawandel oder die Plastikverschmutzung der Meere, auf bildliche und somit auch emotionale Weise für die Menschen greifbar zu machen.

Es geht nicht darum mit erhobenen Zeigefinger eine Mahnung auszusprechen, sondern vielmehr neue Denkstöße zu geben und einen Moment der Reflektion zuzulassen oder einfach mit Freude die Schönheit der Ozeane neu zu entdecken.

SJ: Kannst du uns ein Bildbeispiel dafür geben?

Katja Vedder: In dieser Ausgabe zeigen wir eine Reihe von Werken der türkischen Künstlerin Merve Özaslan. In ihren Collagen setzt sie farbige Ausschnitte von Meereslandschaften in nostalgische schwarz-weiß Fotografien. Die Künstlerin fragt nach dem Verhältnis von Natur und Mensch und sucht zu ergründen wie menschliche Eigenschaften wie Gier und Habsucht, sowie gesellschaftliche Tendenzen fortschreitender Urbanisation, Automatisierung und Digitalisierung unsere Beziehung zur Natur beeinflussen.

Wir entdecken plötzlich eine Küstenlandschaft inmitten einer grauen Fassade oder sehen das Meer im Kontrast zu dem Asphalt auf dem die Kinder spielen. In anderen Werken wird die Natur sogar als Teil von uns dargestellt.

In unserem täglichen Leben sind wir oft gefangen in der Wahrnehmung unserer Realität und verlieren den Blick für das Wesentliche. Bilderwelten, wie Merve Özaslan sie schafft, indem sie zwei scheinbar getrennte Welten miteinander verbindet, bieten eine Möglichkeit uns überraschen zu lassen und mit Freude für einen Moment eine ganz neue Sichtweise entdecken zu dürfen.

SJ: Wir sind auf weitere Bildbeispiele der Serie OCEAN Contemporary gespannt! Vielen Dank für das Gespräch.

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