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„Der Kunstmarkt hat sich verändert.“ So gründet man sein eigenes Kultur-Unternehen.
Interviewdatum: März 2016

Mit einem Studium in Kunstgeschichte bekommst du entweder einen Job in einer Kunstinstitution oder du findest keinen Job. Diesen Schuh wollten sich die Kulturmanagerinnen Ana Karaminova und Katja Vedder nicht anziehen und gründeten einfach ihr eigenes Kultur-Unternehmen: art objective.

Kunstgalerien gibt es, gerade in Berlin, wie Sand am Meer. Wie schafft man es da, sich als selbstständiges Kultur-Unternehmen einen Namen zu machen? Ganz einfach: Man leistet all das, was die Galerien und Künstler alleine nicht schaffen. Worauf kommt es als Kulturmanagerin an? Ana Karaminova und Katja Vedder von „art objective“ haben die Antworten.

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Wie habt ihr beiden euch kennen gelernt?
Ana: „Katja und ich haben uns 2014 bei einem Weiterbildungskurs für Kuratorinnen an der Universität der Künste in Berlin kennen gelernt. In einer großen Gruppe von Teilnehmerinnen wurde schnell klar, dass wir menschlich wie auch beruflich zu einander passen und in dieselbe Richtung schauen. Wir sind beide sehr engagiert und ergänzen uns durch unsere verschiedene Qualifikationen. Das war, denke ich, das ausschlaggebende, warum wir im Anschluss des Kurses recht unkompliziert beschlossen, unter dem Namen ‚art objective’ zusammen zu arbeiten.“
Welche Qualifikationen sind das, durch die ihr einander ergänzt?
Katja: „Unserer jeweiligen Ausbildung entsprechend übernimmt Ana, die in Kunstgeschichte promoviert hat, die Verfassung von Kunsttexten, Kunstanalysen, Konzeptbeschreibungen, und die Herausgabe von Künstlerbüchern.

Meine Aufgaben liegen dagegen vor allem im Bereich des Organisatorischen. Ich habe viele Jahre für eine große internationale Kunstausstellung gearbeitet, die jedes Jahr etwa 250 Künstler aus 50 Ländern ausstellt. Dort habe ich mich um alle Abläufe wie Ausstellungsaufbau, Technik und Eventmanagement gekümmert. Auf diese Erfahrungen kann ich bei ‚art objective’ gut zurückgreifen. Außerdem übernehme ich bei uns die gestalterischen Tätigkeiten wie das Grafikdesign, wenn es darum geht, den Künstlern bei ihren Portfolios zu helfen oder unsere Website zu pflegen.“

Ana: „Man sollte aber auch erwähnen, dass wir auf ein großes Netzwerk und Kreativen – wie Grafikdesignern, Kunsttransporteuren, Galeristen, Fotografen und Informatikern- zurückgreifen, um unsere Arbeitsaufträge möglichst professionell zu bewältigen.“
Was hat euch in euren vorherigen Arbeitsfeldern gefehlt, wodurch in euch der Gedanke zur Selbstständigkeit gewachsen ist?
Ana: „Die freien Stellen in Kunstinstitutionen sind so wenig, oft schlecht bezahlt und dazu noch so eng geschnitten in ihrem Aufgabenbereich, dass nur eine freiberufliche Tätigkeit als Kulturmanagerinnen für uns sinnvoll war.“

Es ging euch also vor allem darum, mehr Freiheiten bei euren Projekten zu haben?
Katja: „Seitdem wir selbstständig sind, haben wir auf jeden Fall größere Freiheiten in unseren Entscheidungen und sind deutlich flexibler in unserem Arbeitsalltag. Wichtig ist aber auch zu betonen, dass für uns beide von Anfang an feststand, dass wir uns nur als Team selbstständig machen.

Alleine freiberuflich zu arbeiten, stelle ich mir noch einmal anders und anstrengender vor. Ana und ich konnten uns während des Gründungsprozesses gegenseitig unterstützen und es ist ein starkes Gefühl, dass wir gemeinsam unter dem Namen ‚art objective’ auftreten.“

Euch gibt es nun schon seit zwei Jahren. In dieser Zeit ist Ana mit ihrer Familie nach Frankfurt am Main gezogen und Katja in Berlin geblieben. Wie könnt ihr als Team funktionieren, wenn ihr in zwei verschiedenen Städten wohnt?
Ana: „Bisher hatten wir durch meinen Umzug keine großen Nachteile. Katja und ich telefonieren jeden Tag miteinander, um unsere Termine und Planungen abzusprechen. Durch meinen Umzug haben wir nun außerdem Kunden in beiden Städten, was natürlich sehr vorteilhaft ist.“

Katja: „Frankfurt hat, wie Berlin, eine große und lebendige Kunstszene. Da ist es toll, dass wir diese Brücke zwischen den beiden Städten schlagen können und unser Netzwerk weiter ausweiten konnten. Wir haben aber darüber hinaus auch Künstler-Kunden aus anderen Städten, wie Freiburg oder Hamburg, mit denen wir telefonischen Kontakt halten oder uns besuchen.“

Ana: „Der einzige Nachteil ist, dass Katja und ich nicht täglich gemeinsam Kaffee trinken können.“
Denkt ihr, dass ihr euch innerhalb dieser zwei Jahre bereits einen Namen in der Kunstszene gemacht habt?
Katja: „Bisher generieren wir die meisten unserer Kunden noch über direkte Kontakte und Empfehlungen. Häufig werden wir zum Beispiel auf Vernissagen vorgestellt oder durch unser Netzwerk auf spannende Kulturschaffende hingewiesen.“

Ana: „In dem Bereich, in dem wir tätig sind, wird Vertrauen groß geschrieben. Künstler sind sehr sensible Leute und da ist es wichtig, dass nach außen hin deutlich wird, dass wir  respektvoll mit unseren Kunden umgehen. Unser größtes Ziel ist aber vor allem ‚art objective’ zu einem Namen zu etablieren, mit dem man Zuverlässigkeit und Professionalität in der Kunst und Kulturszene assoziiert.“

Ich stelle es mir nicht so leicht vor, beruflich auf dem Kunstmarkt zu bestehen. Hattet ihr im Vorfeld bedenken, dass eure Idee nach hinten losgehen könnte?
Ana: „Vor der Gründung und Veröffentlichung unserer Homepage haben wir natürlich eine kleine Marktforschung gemacht, um zu sehen, wie es mit der Konkurrenz aussieht. Ziemlich erstaunt haben wir dann festgestellt, dass wir niemanden finden konnten, der sich direkt mit uns vergleichen ließ. Selbst wenn es aber ähnliche Firmen gibt, würde uns das nicht beunruhigen, denn Kunst und Kultur und die Arbeit, die dahinter steckt, gibt es reichlich für alle.

Das ist das Schöne an unserem Beruf: wir sind nicht in der Marktwirtschaft tätig, wo man sich mit den Ellbogen hoch kämpft und die ganze Zeit bestrebt ist, den anderen auszuschalten. Wir sind in der Kreativwirtschaft. Bei uns zählt die Zusammenarbeit, sich gegenseitig zu inspirieren und zu bereichern. Schließlich macht jeder das, was er am besten kann und holt sich Hilfe dort, wo er nicht weiterkommt. In diesem Sinne spielt in unserem Arbeitsalltag Konkurrenz überhaupt keine Rolle, zumindest keine negative.“

Wodurch genau unterscheidet ihr euch denn von den anderen Firmen und Kunst-Institutionen?
Katja: „Ich denke, dass unser Vorteil darin besteht, dass wir schnell erkannt haben, dass sich der Kunstmarkt verändert hat. Viele Künstler werden nicht mehr langjährig von Galerien vertreten. Ursprünglich war es so, dass die Galerien vieles Organisatorische für ihre Künstler übernommen haben und neben der Ausstellungs-Kuration auch die Kataloge und Texte für sie produziert haben. Das ist in vielen Fällen heute nicht mehr gegeben. Außerdem wechseln die Künstler schneller die Galerien oder wollen sich ungern vertraglich binden.

Indem wir den Künstlern eine unabhängige Unterstützung auf Projektbasis anbieten, haben wir eine Marktlücke gefunden. Galerien sind bei der Zusammenarbeit mit ihren Künstlern darauf angewiesen, dass der Künstler oder die Künstlerin ihre Kunstwerke verkauft. Bei uns spielt der Verkauf keine erhebliche Rolle, da wir uns vor allem um die Dinge kümmern, die vor der Ausstellung anstehen. Außerdem müssen die Künstler uns im Gegenzug auch keine Provision von bis zu 60 Prozent abgeben, wie es bei den meisten Galerien üblich ist.“

Würdet ihr demnach sagen, dass bei euch eine intensivere und persönlichere Zusammenarbeit mit den Künstlern möglich ist, als es bei den Galerien der Fall ist?
Ana: „Man kann die Galerien auch nicht schlecht reden. Sie müssen schließlich ihre Miete bezahlen und sind vom Verkauf der Werke abhängig. Was wir anbieten, gilt vor allem dem, was die Künstler selbst nicht schaffen.

Wenn sich beispielsweise jemand für ein Residenzprogramm bewerben möchte, es aber nicht schafft, sich pünktlich ein Portfolio zu kümmern, dann kann er sich an uns wenden und wir helfen ihm bei der Gestaltung und dem Bereiten der Inhalte, indem wir Kunstanalysen der Werke anfertigen. Genauso helfen wir gerne, wenn jemand eine gute Ausstellungsidee hat, aber Unterstützung bei der Konzeptbeschreibung und Ausstellungsorganisation benötigt.“

Katja: „Man kann uns aber auch kontaktieren, wenn man unabhängig von einer Galerie, einen eigenen Messestand mietet. Das ist mit vielen logistischen Aufgaben verbunden, um die sich viele nicht kümmern können, wenn sie die Zeit finden wollen, um Kunst zu schaffen. In solchen Situationen kümmern wir uns dann um den Transport und die Hängepläne für die Werke und das ganze Drumherum.“

Gibt es etwas, dass ihr gerne vorab über die Arbeit im Kunstbetrieb gewusst hättet?
Ana: „Ich habe während der Zeit meines Kunsthistorischen Studiums den Praxis-Bezug sehr vermisst. Man hat uns in dem Glauben gelassen, die einzige Möglichkeit, dass wir uns später realisieren könnten, bestünde in Form eine Anstellung in irgendeiner Kulturinstitution. Dass dies allerdings bei weitem nicht die einzige Möglichkeit ist und dass die Stellen in den Institutionen natürlich längst nicht für alle Studierenden reichen, habe ich erst so richtig gemerkt, als ich bereits meinen Abschluss hatte.

Im Studium lernt man außerdem keine Dinge wie das Aufsetzen von Rechnungen oder wie man Kostenvoranschläge formuliert. Das habe ich dann in der Freiberuflichkeit mit auf den Weg bekommen. Wenn ich damals im Studium bereits gewusst hätte, dass es auch andere Wege gibt, um mit Kunst Karriere zu machen, hätte ich mir sicherlich viele Sorgen erspart.“

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